Arzneimittel-Versorgungssicherheit: ein vorrangiges Thema für die Apotheken und das Gesundheitswesen
Die Apotheken tragen die Hauptlast der Versorgungskrise
Apothekerinnen und Apotheker stehen mit ihren Teams im Mittelpunkt der Versorgungskette und sind direkte Ansprechpersonen für Patientinnen und Patienten. Sie müssen geeignete Alternativen finden und Risiken im Zusammenhang mit Therapieanpassungen aufgrund von Lieferengpässen vermeiden.
Die Suche nach geeigneten Alternativen ist, wie mehrere Expertenberichte belegen, mit einem erheblichen administrativen Aufwand verbunden. Die wirtschaftlichen Kosten werden auf 150 bis 310 Millionen Franken pro Jahr geschätzt und rund 80 % des Zusatzaufwands wird von den Leistungserbringern getragen, in erster Linie den Apotheken und Arztpraxen. Dabei ist die Arbeitsbelastung in Apotheken doppelt so hoch wie in Arztpraxen.
Diese Thematik betrifft nicht nur die Schweiz. Alle Mitgliedsländer der Europäischen Union verzeichneten im Jahr 2024 Medikamenten-Lieferengpässe. Die Apotheken investieren dort im Durchschnitt elf Stunden pro Woche, um den Folgen dieser Versorgungsstörungen entgegenzuwirken (s. PGEU Medicine Shortages Report 2024).
Die Behörden sind sich dieser Problematik bewusst, aber die bisherigen Massnahmen entsprechen nicht den Erwartungen der Apothekerschaft (s. Positionspapier).
Trotz Fortschritten bestehen noch zu viele Versorgungsstörungen
Seit 2024 wurden verschiedene Massnahmen ergriffen, um die Versorgungssicherheit zu verbessern und die Folgen von Engpässen zu begrenzen. Dazu gehören insbesondere:
- Teilmengenabgabe von Wirkstoffen mit Mangellage (Liste BWL).
- Verstärkte Verpflichtung der Meldung, Überwachung und Pflichtlager (Mitteilung BWL).
- Vorübergehende Erleichterung der Einfuhr von Arzneimitteln im Notfall, besonders für Kinderarzneimittel (Medienmitteilung Swissmedic).
- Einführung der Möglichkeit einer vorzeitigen Einreichung von Vergütungsgesuchen (Early Access) für lebenswichtige Arzneimittel und solche zur Behandlung von seltenen Krankheiten (Mitteilung BAG).
- Arzneimittelüberprüfung und Ausnahmeregelung hinsichtlich Preissenkung bei versorgungsrelevanten Arzneimitteln (Mitteilung BAG).
Trotz dieser Massnahmen bleibt die Situation mit im Durchschnitt 700 nicht verfügbaren Medikamenten angespannt (s. www.drugshortage.ch).
Der im Oktober 2025 veröffentlichte Expertenbericht enthält neue Analysen und Empfehlungen. Er zeigt auf, dass mehrere Massnahmen derzeit noch geplant oder diskutiert werden. Er betont, dass es jetzt von entscheidender Bedeutung ist, zu einer konkreten und raschen Umsetzung überzugehen, um greifbare Ergebnisse zu erzielen. Die Handlungsfelder sind bekannt und können mit begrenzten rechtlichen Anpassungen umgesetzt werden.
Griffige Massnahmen zugunsten der Apotheken
Die jüngsten Fortschritte gehen in die richtige Richtung, sie reichen jedoch noch nicht aus. Die Apotheken sind jeden Tag mit Lieferengpässen, einem hohen Verwaltungsaufwand und mit für Patientinnen und Patienten potenziell gefährlichen Situationen konfrontiert. Wir haben es mit einer strukturellen Krise zu tun, die eine mutigere und koordinierte Reaktion erfordert.
Der Schweizerische Apothekerverband pharmaSuisse fordert eine rasche Umsetzung konkreter Massnahmen, die die Apotheken im Alltag entlasten, namentlich:
- klare Definition von «versorgungsnotwendigen Medikamenten» sowie «Versorgungsengpass»;
- ein umfassendes, nationales Informationssystem, das den Apotheken wirklich nützt (die neue Plattform des BWL erfüllt diese Anforderung nicht);
- Anerkennung und angemessene Vergütung des Aufwands in Zusammenhang mit Versorgungsengpässen sowie Aktualisierung der Tarife für die Herstellung (ALT);
- eine klare Regelung der Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Kompetenzen auf Bundesebene;
- eine standardisierte Prüfung neuer regulatorischer Massnahmen im Arzneimittelbereich im Gesamtkontext der Versorgungssicherheit.
Unser Engagement für eine nachhaltige Versorgungssicherheit
Der Schweizerische Apothekerverband pharmaSuisse unterstützt die im Oktober 2024 eingereichte Volksinitiative «Ja zur medizinischen Versorgungssicherheit» und engagiert sich damit für eine medizinische Versorgung, die folgende Aspekte gewährleistet:
- Sicherheit und Kontinuität von Behandlungen,
- eine signifikante Reduktion von Versorgungsstörungen,
- Information der Gesundheitsfachleute in Echtzeit,
- eine adäquate Vergütung des Zusatzaufwands in den Apotheken,
- eine starke nationale Koordination des Managements von Versorgungsengpässen und Pflichtlagern.
pharmaSuisse ist der Ansicht, dass im direkten Gegenvorschlag des Bundesrats noch Präzisierungen fehlen, insbesondere bezüglich mehrerer grundsätzlicher Elemente der Initiative (s. Vernehmlassungsantwort pharmaSuisse).
Apotheken sind eine tragende Säule der Schweizer Gesundheitsversorgung. Sie müssen über die erforderlichen Instrumente, Ressourcen und die notwendige Unterstützung verfügen, um ihre Aufgabe zu erfüllen: Patientinnen und Patienten müssen zeitnah mit den benötigten Medikamenten versorgt werden.
Weiterführende Informationen
- www.drugshortage.ch – private Referenzwebsite, die Engpässe bei LS-Medikamenten auflistet
- Plateforme HUG/pharmaGenève: Liste von Medikamentenengpässen und alternativen Lösungen (in französischer Sprache)
- Fakten und Zahlen der Schweizer Apotheken